Liebe Schwestern und Brüder, wir befinden uns im September. Nach einem langen heißen Sommer ist es wieder einmal Herbst geworden. Für manche eine wehmütige Zeit, denn es ist auch eine Zeit der abschiedlichen Veränderung:
Die Blumen im Garten werden weniger und welken,
die Tage werden kürzer, die Abende länger - durch die geringeren Sonnenstunden. Manchen legt sich das fehlende Licht aufs Gemüt, auf die Seele, manche empfinden den Herbst als trist und lebensabweisend.
Andere genießen gerade diese Jahreszeit des Herbstes, weil sie die Farben lieben, diese Buntheit der Blätter mitten in den ersten Regentagen, die Sonnenstrahlen scheinen gelber als im Sommerlicht, die Häuser werden gemütlich - alles verändert sich wieder, aber manche empfinden diese Zeit als heimelig. Spazierengehen in den letzten wärmenden Strahlen oder bei stürmischem Wind - der Herbst mit seinem Farbenspiel ist manchen neben dem Frühling die schönste Jahreszeit.
Ich dachte früher immer: Die Farben der Blätter, Blumen und Bäume, die der Herbst so hervorbringt, diese Gelb-Töne und Rot-Töne und Braun-Töne, das wäre nichts anderes als die Farben des Absterbens: Dass eben das Grün verschwindet und abgebaut wird und übrig bleibt die Farbe des Verwelkens.
Das ist aber ganz und gar nicht so, wie ich jetzt neu gelernt habe:
Diese Farbtöne des Herbstes, die mir so warm und sympathisch sind, das sind nicht Farben, die dadurch entstehen, dass andere Farben wegbleiben und übrig bliebe etwa nur noch die Farbe des Sterbens, sozusagen die Nichtfarbe.
Nein, die Pflanzen entwickeln aus den Nährstoffen neben dem grünen Chlorophyll andere Fermente und Enzyme, die sie im Herbst brauchen, um zu überwintern, um genügend Energiereserven zu speichern für die Frostzeiten, die folgen werden.
Also sind es eben nicht Farben des Vergehens, sondern Farben der Veränderung, des Anderswerdens, des Neu-Werdens.
Und ist das nicht auch mit unserem Leben so?
Dass wir manche Lebenserfahrung für düster und bedrückend, für lebensfeindlich ansehen und in Wahrheit bedeuten diese Erfahrungen, in denen sich unser Leben
verändert etwas durchaus Positives: Veränderung auf neue Zeiten hin, Veränderungen auf Stärke hin, mitten im schwächer werden?
Ich glaube, es ist gut, wenn ein Mensch das so von seinem Leben sagen kann: Es gibt nicht nur Frühjahr und Sommer, also Aufblühen und Sprießen und Wuchern und Großwerden im Leben - es gibt eben auch den Herbst und den Winter, Zeiten der Veränderung, des Weniger-Werdens, um neu zu werden.
Und mitten in diesen Veränderungen spüre ich:
Gott ist mein Licht, meine Kraft, der Herr ist meines Lebens Kraft - alle Veränderungen in meinem Leben sind von ihm gewollt, von ihm getragen, ich bin begleitet, Gott geht mit - und verändert die Farben meines Lebens immer wieder, damit ich nicht blass werde.
Jeder Mensch hat so viele Farben wie der Regenbogen. Ich glaube, Gott, der den Regenbogen erfunden hat, hat sich die Welt bunt gedacht. Und auch uns Menschen hat er sozusagen mit dem Regenbogenpinsel entworfen.
Damit wir bunt und vielseitig sein können. Damit wir immer neue Farbtöne entdecken können, an uns selbst und an anderen.
Ich glaube, Gottes Lieblingsfarbe ist bunt. Deshalb mag er auch seine Menschen nicht einfarbig und eintönig. In jeden Menschen hat Gott die Klarheit des Gelb hinein- gemalt und die Natürlichkeit des Grün. Die Kraft und Hitze des Rot gehört genauso dazu wie die Wahrheit des Blau. Auch hat er bei keinem die Sinnlichkeit des Orange und die Religiosität des Violett vergessen. Diese und viele andere Farben hat jeder Mensch in sich. In einer nur ihm eigenen Mischung. Weil Gott den Wechsel und die Buntheit liebt.
Herzliche Grüße in den Herbst!
Ihr Pastor
Werner Rombach