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Do, 4. Apr 2019
Birgitta Theymann

Liebe Leserinnen und Leser,

wenn der April-Pfarrbrief erscheint, ist es noch eine Weile hin bis Ostern, aber die Natur hat bereits das Kleid des Frühlings angezogen, das uns die blühende Natur bewundern lässt. Sie ist auch die Vorbotin des Festes des Neuen Lebens. Das dürfen wir Christen in eins sehen, denn Gott, der Freund des Lebens, ist auch der Schöpfer aller Kreatur. Der Dichter Friedrich Hölderlin (1770 – 1843) hat in seinem Gedicht „Der Frühling“ die werdende Natur geschildert; gleichzeitig in seine Zeilen österliche Botschaften eingebaut, vielleicht versteckt

wie Ostereier. Er schreibt:  

Die Sonne glänzt, es blühend die Gefilde,

Die Tage kommen blütenreich und milde,

Der Abend blüht hinzu, und helle Tage gehen

Vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen.

Das Jahr erscheint mit seinen Zeiten

Wie eine Pracht, wo Feste sich verbreiten,

Der Menschen Tätigkeit beginnt mit neuem Ziele,

So sind die Zeichen in der Welt, der Wunder viele.

Es ist der Apostel Paulus, der unmittelbar den Schöpfergott mit dem Ostergeschehen in Verbindung bringt. Denn Gott ist es, der „die Toten lebendig macht, und das, was nicht ist, ins Dasein ruft (Röm 4, 17).“ Unter dieser Prämisse dürfen wir hoffen, dass der Schöpfer nichts von dem, was er ins Dasein ruft, der Vergänglichkeit anheim gibt. So ist ein Lied über die neue Schöpfung, wie es Hölderlin anstimmt, ein unüberhörbarer Verweis auf den Urheber allen Lebens, der sich gerade auch in der Schöpfung als solcher offenbart, denn seit der „Erschaffung der Welt wird seine (Gottes) unsichtbare Wirklichkeit an den Werken der Schöpfung mit der Vernunft wahrgenommen…(Röm 1, 20).“ Ist dies nicht vielleicht schon ein Verweis auch auf Hölderlins „Zeichen in der Welt, der Wunder viele“?

 

Neben dem Bild der Schöpfung prägen die Feste das Jahr „mit seinen Zeiten“, wie wir im Gedicht lesen. Das Fest ist die rituell strukturierte, gemeinschaftliche Sinndeutung des Daseins durch den Menschen. Die entscheidenden Feste Israels waren bereits verankert in den Lauf des Jahres bzw. der Natur. Das Pascha als ursprüngliches Fest des Weidewechsels der Nomaden wurde durch den Exodus mit einer neuen Deutung versehen als Einzug in das Land der Verheißung. Wir Christen feiern den Weg vom Tod zum Leben. „Das ist der Tag, den der Herr gemacht, lasst uns jubeln und seiner uns freuen (Ps 118, 24)“, so deuten die Christen dieses Ereignis. „Helle Tage gehen vom Himmel abwärts, wo die Tag‘ entstehen“, so formuliert Hölderlin, und gibt dabei nur in anderen Worten den Psalmtext wieder. Die Tage, die im Himmel gemacht werden, sind die „Tage des Herrn“, und diese verdrängen das Dunkel der Nacht, wie es im österlichen Lobgesang, dem „Exsultet“, heißt.

Schließlich konstatiert der Dichter, dass „Der Menschen Tätigkeit beginnt mit einem neuen Ziel“. „Paradigmenwechsel“ wäre das neue Wort dafür. Auch davon spricht das Neue Testament. Die Hoffnung, zur Auferstehung zu gelangen, ist für Paulus das Ziel, weswegen er alles vergisst, was hinter ihm liegt, und sich nach dem ausstreckt, was vor ihm liegt (Phil 3, 14). Nach 1 Petr 1, 9 ist das Ziel des Glaubens unser Heil. Ostern lädt uns ein, ein neues Ziel ins Auge zu fassen, weiter zu sehen als die Hinfälligkeit und Gebrechlichkeit unserer Welt, eben „der Wunder viele“. Das sind nicht nur spektakuläre Events, sondern diejenigen - mitunter zarten - Zeichen, die in dieser vergänglichen Welt auf das Unvergängliche hindeuten. Selbstbewusst weist Hölderlin in einem anderen Gedicht (Andenken) auf seine eigene Zunft hin: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“ – aber auch noch viele andere. Sehen wir aufmerksam hin!

Ein gesegnetes Osterfest

Ihr

Pfarrer Dr. R. Scheulen