Auf ein Wort

Liebe Leserin, lieber Leser,

goldenemitte_by_andreas_kroener_pfarrbriefservice (c) Foto by_andreas_kroener_pfarrbriefservice, Willi Seiler (Skulptur)
goldenemitte_by_andreas_kroener_pfarrbriefservice
Datum:
Do. 22. Jan. 2026
Von:
Birgitta Theymann

vor dem Abgang zu meinem Arbeitszimmer habe ich verschiedene Fotos von meiner Familie. Man wäre berechtigt zu fragen: „Warum eigentlich?“ Schließlich ist unsere Wohnung nur wenige Treppenstufen von meinem Arbeitszimmer entfernt und selbst, wenn meine Familie sich in der Schule, an der Arbeit, bei der Tagesmutter oder in Prag befindet, ist es unwahrscheinlich, dass ich vergessen werde, wie sie aussehen. Trotzdem freue ich mich immer wieder über diese Fotos, weil sie mir eine Verbundenheit mit diesen geliebten Menschen geben, die ich in derselben Form ohne die Fotos nicht hätte. Erinnerung ist sehr wertvoll – auch, oder gerade an das, was uns am Wichtigsten ist.

Über diese ersten Zeilen nachdenkend, bleibe ich an dem Wörtchen „eigentlich“ hängen und schaue in den Duden, um den exakten Inhalt, die Bedeutung dieses so oft und unüberlegt gebrauchten Wörtchen nachzulesen.

>kennzeichnet einen meist halbherzigen, nicht überzeugenden Einwand, weist auf eine ursprüngliche, aber schon aufgegebene Absicht hin< so der Duden.

 

 

 

Und dann höre ich in meinen Gedanken einige Beispiele:

eigentlich würde ich gerne wieder joggen, aber dann höre ich mein rechtes Knie, das sich meldet: lass es, mir fehlen eh schon einige Schichten Knorpel;

eigentlich müsste ich freitags nicht mehr zur Schule, aber höre ich dann meine Frau: sie, die Kinder würden dir fehlen, auch wenn manche Eltern nervig und manche Kinder ungezogen und respektlos sind;

eigentlich könnten jetzt auch andere aus dem Team den Dienst im Johanniter übernehmen, aber spüre ich dann irgendwo meinen Auftrag: geh zu den Kranken und Alten und Einsamen;

eigentlich bist du doch zu alt, aber fühle ich dann so etwas wie Selbstüber-schätzung: du kannst es doch noch und die Gespräche mit den Johannitern sind aufbauend, Mut machend und hoffnungsvoll.

Liebe Leserin, lieber Leser,

was bedeuten schon Wörter wie „eigentlich“ und „aber“, wenn sie inhalts-los sind und oft nur als Entschuldigung dienen.

„Gerade jetzt“ und „ohne wenn und aber“ müssen die entscheidenden Worte sein in solchen unseren Zeiten, in denen ein Fifa-Präsident den Friedens-Nobelpreis diskreditiert und mit einem eigens geschaffenen Friedenspreis einen solchermaßen geehrten US-Präsidenten umgarnt, der nicht Frieden machen, sondern „Deals“ abschließen und aus dem zerbombten Gaza-Streifen eine neue Côte d´Azur schaffen will, ein Präsident in Moskau seine Macht auslebt und Nacht für Nacht einen souveränen Nachbarstaat bombardieren lässt, im eigenen Land extreme Parteien immer mehr Zulauf erfahren, notwendige Veränderungen ein unbehagliches Gefühl erzeugen.

„Gerade jetzt und ohne wenn und aber“ sollten wir uns gemeinsam auf den Weg vom Alten zum Neuen machen und auf den vertrauen, der uns versprochen hat, immer an unserer Seite zu sein.

„Gerade jetzt“ und „ohne wenn und aber“

Ihr und euer Diakon Kurt Esser