01. Oktober 2018:

Grusswort Oktober

3700

3700 – ist das eine hohe oder eine niedrige Zahl? Kommt darauf an, könnte man es sich leicht machen. 3700 verteilt auf einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten? Die Rede ist von den rund 3700 aktenkundigen Opfern sexuellen Missbrauchs, die die sogenannte MHG-Studie, in Auftrag gegeben von der Deutschen Bischofskonferenz, aufzählt. Unter den 1670 Tätern, deren Vergehen in den Bistumsakten dokumentiert sind, waren 1429 Diözesanpriester, 159 Ordensmänner und 24 Diakone. Drei Viertel aller Opfer hatten einen im weiteren Sinn seelsorgerischen Kontakt zu ihren Peinigern. Sie waren zum Beispiel Messdiener, Schüler im Religionsunterricht, Kommunionkinder oder Firmlinge. Beim ersten Missbrauch waren gut 50 Prozent der Opfer nicht älter als 13 Jahre.

3700 beschreibt dann nur andeutungsweise die Leiden von Kindern und Jugendlichen, übrigens überwiegend Jungen, wenn man bedenkt, wie groß das Vertrauen dieser Menschen in kirchliche Amtsträger war. Zumal von einer großen Dunkelziffer auszugehen ist, weil Opfer aus Scham und Angst bis heute schweigen oder nicht gehört werden.

Gegen die Beschuldigten wurden in nur einem Drittel aller Fälle kirchen-rechtliche Verfahren eingeleitet. Davon endete rund ein Viertel ohne Sanktionen. Aus dem Klerikerstand entfernt wurden 41 Beschuldigte, 88 wurden exkommuniziert. Die weit überwiegende Zahl der Täter kam mit milden Strafen wie Frühpensionierung, Beurlaubung oder der Auflage geistlicher Übungen (Exerzitien) davon. Die MHG-Studie kritisiert überdies, dass die Täter von ihren Oberen häufig lediglich versetzt und die Gemeinden über die Hintergründe im Unklaren gelassen wurden. Man kann den Eindruck gewinnen, dass der Schutz der Täter Vorrang hatte, vor den Bedürfnissen der Opfer – um den heiligen Schein zu wahren?

Die Zeit der Beschwichtigungen ist vorbei. Und so soll die Information, dass die Pfarrei Christkönig seit Anfang des Jahres unter Beteiligung vieler Menschen, haupt- und ehrenamtlich Tätigen, daran arbeitete, ein Institutionelles Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt (ISK) zu erstellen, eben nicht beschwichtigend verstanden werden. Dieses ISK beinhaltet in seinem Kern einen Verhaltenskodex, dem jeder in der Pfarrei mit der Betreuung von Kindern und Jugendlichen betraute Mitarbeiter in Zukunft zustimmen wird. Ein Beitrag zu Transparenz und Vergewisserung der gemeinsam gelebten Werte, eine Sensibilisierung für die Persönlichkeitsrechte von Kindern und Jugendlichen in unseren Einrichtungen und Gemeinden, nicht mehr und auch nicht weniger soll das ISK sein.

Nach Beratung und In-Kraft-Setzen durch den Kirchenvorstand wird das ISK für alle Bereiche unserer Pfarrei Gültigkeit haben und in geeigneter Weise veröffentlicht. 3700 ist eine viel zu hohe Zahl.

Boris Kassebeer,

Pastoralreferent

 

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